Liebe und Krieg

Marie von Clausewitz zum 180. Todestag am 28. Januar 2016
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François-Joseph Kinson: Porträt von Marie von Clausewitz, nach 1810. Privatbesitz

Fast wäre aus der Reichsgräfin Marie von Brühl (1779-1836) eine „alte Jungfer“ geworden. Das Schicksal hat es anders gewollt. Die hochadelige Dame, immerhin Enkelin des kurfürstlich-sächsischen und königlich-polnischen Premierministers Heinrich von Brühl, heiratete als „späte Braut“ im Alter von 31 Jahren Carl von Clausewitz, einen mittellosen Offizier von zweifelhaftem Adel, und wurde nach dessen unerwarteten Cholera-Tod (1831) zur posthumen Herausgeberin seiner militärischen Schriften - darunter eine unvollendete Theorie Vom Kriege. Diese Schrift ist heute eine der weltweit bedeutendsten Abhandlungen über den Krieg, eines der meistgelesenen Bücher der Welt und in unzählige Sprachen übersetzt.

Da Carl von Clausewitz seine Theorie Vom Kriege erst nach seinem Tod veröffentlicht wissen wollte, legte er eine mögliche Publikation in die Hände seiner Ehefrau – ein Zeichen von großer Liebe und Verbundenheit, von Vertrauen in Maries Fähigkeiten und in ihr Verständnis, dieses Werk entsprechend zu veröffentlichen.

Das interessante Leben der „Generalin“ Marie von Clausewitz wird in einer Biografie beschrieben, die Vanya Eftimova Bellinger nach Jahren akribischer Recherche - inklusive Wiederentdeckung verschollener historischer Dokumente - veröffentlicht hat. Aus dem tiefen Schatten, den „Preußens geistreichster Soldat“ wirft, tritt nun eine hochgebildete, historisch, kulturell, politisch und militärisch interessierte, sozial engagierte, liebenswerte, lebhafte, eigensinnige und sehr selbständige Frau, die nicht nur unterstützend hinter, sondern vielmehr als eigenständige Persönlichkeit ihrem Ehemann zur Seite stand.

Die Universitäts- und Landesbibliothek Münster besitzt einige Dokumente aus dem Nachlass von Carl von Clausewitz. Diese gelangten 1955 durch Vermittlung von Professor Werner Hahlweg in die Universitätsbibliothek. Er lehrte seit Ende 1950 an der Westfälischen Wilhelms-Universität, war nach dem 2. Weltkrieg der erste ordentliche Professor mit einem Lehrstuhl für Militärgeschichte und Wehrwissenschaften in der Bundesrepublik Deutschland, eine „schillernde“ Persönlichkeit und einer der führenden Clausewitz-Forscher weltweit.

Im Teilnachlass Clausewitz der ULB Münster befinden sich einige Tagebuchseiten der Marie von Clausewitz, auf denen diese von Mitte August bis Ende Oktober 1813 in flüchtigen Notizen ihre Lebenssituation vor, während und nach der Völkerschlacht bei Leipzig (16. bis 19. Oktober 1813) skizzierte. Marie hatte sich entschieden in der Nähe des Kriegsgeschehens zu bleiben, um ihren Ehemann so oft wie möglich sehen zu können. Dieser bekämpfte als Stabschef der Russisch-Deutschen Legion die Franzosen im Norden Deutschlands. Er nahm an der Völkerschlacht bei Leipzig nicht selbst teil, in der über 500000 Soldaten aus mehr als einem Dutzend europäischer Staaten gegen die Napoleonische Fremdherrschaft kämpften. Der Sieg über den französischen Kaiser forderte ca. 100000 Tote.

Die Tagebuchseiten der Marie von Clausewitz schildern die trostlose und angespannte Zeit vor der Schlacht, das sorgenvolle Verfolgen von Nachrichten und die ständige Bereitschaft zu fliehen, wenn der Feind vorrückte. Wenige, kostbare Tage konnte Marie allerdings ungestört mit Carl im Militärlager verbringen. Mit ihren Tagebuchseiten gewinnen wir neue Erkenntnisse zum Thema „Frauen und Krieg“, ein in der modernen Militärgeschichte leider noch wenig beachtetes und zu wenig erforschtes Thema.

Vanya Eftimova Bellinger hat dieses spannende Zeitdokument dankenswerterweise transkribiert, so dass wir die Transkription nun zusammen mit dem digitalisierten Original  anlässlich des 180. Todestages der Marie von Clausewitz in unseren Digitalen Sammlungen präsentieren können.

Dieses ist der Auftakt zu einer vollständigen Digitalisierung unseres Teilnachlasses Clausewitz, der u.a. neben Vorlesungen über den Kleinen Krieg, die Clausewitz 1810 und 1811 an der Kriegsschule in Berlin hielt, auch ein Manuskript über den Feldzug von 1812 in Russland enthält.

Birgit Heitfeld-Rydzik