Handschriften

Dass die Sammlung mittelalterlichen Handschriften nicht so bedeutungslos ist, wie die Zahl 94 vielleicht vermuten lässt, hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft dadurch anerkannt, dass sie sie im Jahre 1990 in ihr Programm zur Katalogisierung mittelalterlicher Handschriften aufgenommen hat.

Literatur:Die mittelalterlichen Handschriften sind in einem gedruckten Katalog (Stand 1995) beschrieben: Eef Overgaauw: Die mittelalterlichen Handschriften der Universitäts- und Landesbibliothek Münster. Wiesbaden 1996.
Standort: Handschriftenlesesaal H ALL 0.4 MUS 10 oder online im Internet.

Auch wenn fast der gesamte Handschriftenbestand aus dem 19. und beginnenden 20. Jahrhundert im 2. Weltkrieg verbrannt ist, hier ein kurzer Blick auf die Geschichte der Sammlung.

Geschichte der Sammlung

Der Aufbau eines Handschriftenbestandes in der ULB erfolgte bereits während der Säkularisation: Durch den Deputationshauptschluss von 1803 waren zunächst die Fürstbistümer Münster und Paderborn preußisch geworden - noch nicht das ganze Gebiet Westfalens. Der an Handschriften viel reichere westfälische Teil des kurkölnischen Sauerlandes wurde der Grafschaft Hessen-Darmstadt zugewiesen. Landgraf Ludwig X. - ein begeisterter Büchersammler - ließ aus den aufgehobenen Klöstern seines neuen Territoriums die schönsten und kostbarsten Handschriften und Drucke in seine Hofbibliothek nach Darmstadt bringen, wo sie sich auch heute befinden. Was nicht nach Darmstadt gelangte, ließ der Landgraf nach Arnsberg schaffen, wo er Handschriften und Drucke in einer neuen, von ihm errichteten Provinzialbibliothek zusammentragen ließ, die 1874 dann nach Münster in die damalige Bibliotheca Paulina (heute ULB) überführt wurde.
Nach Münster gelangten nach 1803 Teile der Buch- und Handschriftenbestände vor allem aus den Benediktinerabteien Liesborn und Werden und dem Zisterzienserkloster Marienfeld, später auch aus der Münsterschen Dombibliothek. Die Größenordnung dieser Erwerbungen lässt sich heute nicht mehr feststellen. Bei dem Hin und Her der politischen Unterstellung der ehemaligen Fürstbistümer nach 1803 zwischen dem preußischem Staat, Frankreich und dem von ihm abhängigen Großherzogtum Berg erfolgte die Ablieferung der Klosterbestände nur sehr zögerlich, ohne System und keineswegs vollständig. Es ist jedoch bekannt, dass aus diesem Säkularisationsgut im Jahre 1823 im Auftrag der Regierung 63 Codices zur Verbesserung des Bibliotheksetats versteigert und aufgrund einer Ministerialverfügung 78 Handschriften an die Preußische Staatsbibliothek in Berlin verkauft wurden - damals für 1200 Reichstaler.

Erhalten hat sich aus dem Säkularisationsgut bis heute ein Evangeliar aus Nordfrankreich aus dem 2. Drittel des 9. Jahrhundert (Hs 276), das der Tradition nach aus dem Kloster Werden stammen soll, doch gibt es dafür keinen eindeutigen Beweis. Eine Genesis cum glossa ordinaria (wahrscheinlich aus Nordfrankreich aus dem letzten Viertel des 12. Jh. (Hs 222) ist durch einen Besitzeintrag eindeutig für das Kloster Liesborn belegt. Sie enthält eine besonders schöne I-Initiale (In Principio) mit der Darstellung des biblischen Sechs-Tage-Werkes.

Mit der Dombibliothek kam das sogenannte Hoya-Missale (Hs 41) in die Bibliothek, ein Prachtcodex aus dem goldenen Zeitalter der holländischen Buchmalerei, zwischen 1420 und 1430 in Utrecht entstanden. Seinen Namen "Hoya-Missale" hat das Messbuch von seinem Besitzer im 16. Jahrhundert erhalten, vom münsterschen Fürstbischof Johann von Hoya (gest. 1574).
Literatur: Bertram Haller: Ein gotisches Prachtmissale aus Utrecht. Münster 1996.

Erweiterungen erfuhr die Handschriftensammlung im 19. Jahrhundert nur spärlich. Aus Privatbesitz stammt der Liber officii capituli (Xanten, St. Viktor um 1044-1046), ein Martyrologium- Nekrologium (Hs 191). Das Martyrologium ist jeweils in den inneren, das Nekrologium in den äußeren Spalten eingetragen. Das Martyrologium folgt der 2. Fassung des Martyrologiums von Beda Venerabilis, ist jedoch mit vielen Zusätzen, zum Teil von späteren Händen (11.-14. Jh) versehen. Angefügt sind die Aachener Kanonikerregel von 816 und an den Rändern der Text des Constitutum Constantini.
Literatur: Das älteste Totenbuch des Stift Xanten. Hrsg. und bearb. von Friedrich Wilhelm Oedinger. Kevelaer 1958 (Die Stiftskirche des hl. Viktor zu Xanten. 2,3; Veröffentlichungen des Xantener Dombauvereins. 5).

Eine wichtige Erweiterung der Handschriftensammlung erfolgte 1874, als die Erste Abteilung der Regierungsbibliothek Arnsberg nach Münster überführt wurde. Es handelt sich bei ihr um jene Bibliothek, die Ludwig X. von Hessen-Darmstadt im Zuge der Säkularisation als Provinzialbibliothek errichten ließ und die 1816 unter preussische Verwaltung kam. 172 mittelalterliche Handschriften gelangten damit in die Bibliothek, keine Prachtcodices mit Illustrationen sondern reine Texthandschriften, die meisten aus dem Dominikanerkloster in Soest. Von den Soester Codices sind mit einer Ausnahme nur die des in seiner Zeit sehr angesehenen Dominikaners Jacob von Soest in 29 Bänden erhalten geblieben. Die Texte sind bisher noch unerschlossen. Es handelt sich weitgehend um umfangreiche, enzyklopädisch angelegte Distinctiones und um Vorlesungen, die Jacob von Soest in Köln und Prag im ersten Viertel des 15. Jahrhunderts gehalten hat.

Mit der Bibliothek Fürstenberg-Stammheim, die seit 1907 zunächst als Leihgabe der Bibliothek zur Verfügung stand und seit 1988 ihr Eigentum ist, erhielt die Bibliothek auch einige Handschriften, darunter ein mit einigen qualitätvollen Initialen ausgestatteter Psalmenkommentar des Petrus Lombardus (Hs 892), der im 13. Jahrhundert vermutlich in Mittelitalien hergestellt wurde, und die Leben der heiligen Hugo und Bruno (Hs 894) von 1522-23 aus dem Kartäuserkloster St. Barbara in Köln.

Wie viele Handschriften nach dem Erscheinen des Kataloges von Staender bis 1945 noch erworben worden sind, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Nicht nur die Handschriften, sondern auch die Erwerbungsunterlagen sind spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg verloren. Die Bombenkatastrophe vom Palmsonntag (25. April) 1945 haben (nach Bänden gezählt) nur 53 mittelalterliche von vielleicht 480 überstanden. Vermutlich hatte die Bibliothek zu diesem Zeitpunkt insgesamt an die 1.500 mittelalterliche Codices und neuzeitliche Manuskripte besessen.
Literatur: Josef Staender: Chirographorum in Regia Bibliotheca Paulina Monasteriensis Catalogus. Breslau 1889.
Standort: Handschriftenlesesaal H ALL 0.4 MUS 25. Staender verzeichnete 761 Nummern, davon 433 mittelalterliche Codices in 463 Bänden.
Bertram Haller: Die Handschriftensammlung der Universitätsbibliothek. Bemerkungen zu Josef Staenders Handschriftenkatalog der "Bibliotheca Paulina" aus dem Jahre 1889. - In: Westfälische Forschungen 36. 1986. S. 133-135.

Der Handschriftenbestand heute

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte seit der Mitte der fünfziger Jahre eine zielstrebige Erwerbung von Handschriften ein. Ganz bewusst richtete man sein Interesse auf Zeugnisse der Geschichte und der Buchkultur des westfälisch-niederdeutschen Raumes, für den die Bibliothek die Funktion einer Landesbibliothek ausübt, und auf den niederländischen Kulturkreis, der seit 1951 als Sondersammelgebiet mit den Mitteln der Deutschen Forschungsgemeischaft von Münster betreut wird. Die neu erworbenen Stücke sind Handschriften mit geistlicher Literatur in der Volkssprache, theologische Werke in lateinischer Sprache, liturgische Handschriften (meist aus dem Bistum Münster oder aus naheliegenden Klöstern), Gebet- und Stundenbücher, Predigten, Heiligenviten und nur wenige Codices anderen Inhalts.

In Westfalen sind nur wenige literarische Handschriften entstanden. Es werden einige Fragmente von Texten in niederdeutscher Sprache des späten Mittelalters in unserer Bibliothek aufbewahrt, z. B. des ritterlichen Lehrgedichts "Der Winsbeke" aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts oder eine niederdeutsche Beichte, ebenfalls aus dem 14. Jahrhundert. Die einzige vollständige literarische Handschrift westfälischer Provenienz ist eine auf der Burg Limberg bei Preußisch-Oldendorf im Jahre 1517 im Auftrag eines Lübbert von Wendt entstandene Abschrift des Romans "Willehalm von Orlens" des Rudolf von Ems (Ms N.R. 380). Bisher war kein Anhaltspunkt für eine Rezeption dieses staufischen Liebesromans im niederdeutschen Bereich bekannt. Es ist der Wert dieser Handschrift, dass sie eine handschriftliche Überlieferung des Textes aus dem frühen 16. Jahrhundert im östlichen Westfalen dokumentiert.

Ein wichtiger Faktor bei der Erwerbung von mittelalterlichen Handschriften bildet der Bereich der Devotio moderna und die Schreiberwerkstatt der Fraterherren in Münster. Ein schönes Zeugnis ist "Dat myrren bundeken" (Ms N.R. 1550), der vielleicht einzige Textzeuge der mittelniederdeutschen Bearbeitung der "Orationes et meditationes de Vita Christi", die dem Thomas von Kempen zugeschrieben werden. Das Kolophon weist aus, dass der Codex am Abend des Johannestags 1480 fertig gestellt war.

Nicht ganz so gesichert darf man die Handschrift mit vier Traktaten des Johannes Gerson (Ms N.R. 1551) den Münsterschen Fraterherren zuschreiben. Schreiber ist Johannes Veghe aus Münster, der 1430 als Magister artium an der Kölner Universität immatrikuliert wurde. Datiert ist die Handschrift auf das Jahr 1436. Obwohl der Schreiber aus Münster stammt und als Förderer der Fraterhauses bekannt ist, und obwohl die Fleuronée-Initialen mit denjenigen aus der Werkstatt der Münsterschen Fraterherren verwandt sind, ist eine Zuschreibung an sie nicht gesichert. Die Handschrift könnte ebensogut in Köln entstanden sein.

In die Werkstatt der Fraterherren weisen die Fleuronée-Initialen eines großformatigen Missales vom Anfang des 16. Jahrhunderts, das die Bibliothek seit 1969 besitzt, das sog. Lamberti-Missale (Ms.N.R. 1003). Dass sich diese Handschrift während der Täuferzeit in Münster befunden hat, ist durch einen Hinweis, eingetragen in ein Spruchband, belegt. Dort heißt es (in Übersetzung): "Dieses Buch wurde von den gottlosen Wiedertäufern zerstückelt, es wurde wiederhergestellt und zurückgegeben im Jahre 1535 nach dem Fest des heiligen Johannes des Täufers"; das ist der Tag der Eroberung der Stadt Münster durch die bischöflichen Truppen, durch die dem Täuferreich ein Ende gesetzt wurde. Die Kirche des heiligen Lambertus ist also wohl die Münstersche Marktkirche St. Lamberti. Die Vermutung, dass ein Missale für eine Münstersche Pfarrkirche auch von einer Werkstatt in der Stadt hergestellt wurde, liegt auf der Hand - darauf weisen die für die Münsterschen Fraterherren typischen Fleuronée-Initialen. Dieses Missale ist nach dem heutigen Stand der Kenntnis das einzige erhaltene Meßbuch eine münsterschen Pfarrkirche aus dem Mittelalter. In die Zeit des Täuferreiches in Münster gehört auch der Psalter des Hermann von Unna 1507 (Cod. 3).

Wesentlich älter ist ein Processionale Monasteriense. Die in den Litaneien angerufenen Heiligen und das Reimoffizium des hl. Liudger, des Bistumsgründers, deuten darauf hin, dass es im Bereich des Bistum Münster enstanden ist. Die Übereinstimmung der Texte mit denen der mittelalterlichen Ordinarien des Münsterschen Doms machen es wahrscheinlich, dass auch die Handschrift dort benutzt wurde. Der Charakter der Schrift und der Stil der sparsamen Ausstattung weisen die Handschrift in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts. Damit zählt sie zu den ältesten Zeugnissen der Liturgie des Münsterschen Doms.

Die Erwerbungen niederländischer Handschriften - in der Mehrzahl Stundenbücher - fügen sich in den Rahmen des Sondersammelgebietes "Niederländischer Kulturkreis" ein. Sie werden besonders repräsentiert durch ein Stundenbuch (Ms N.R. 5505), das aus Flandern stammt und in die Mitte des 15. Jahrhunderts datiert wird. Die Illuminierung ist sowohl der Werkstatt des sog. Goldrankenmeisters als auch der des Willem Vrelants zugeschrieben worden. Eine Datierungshilfe bietet ein Vera-Ikon-Bild. Hier ist die Abhängigkeit des in zwei Kopien überlieferten Christuskopf des Jan van Eyck offensichtlich. Der Miniator muss eines der Exemplare dieses beliebten Christusbildes als Vorbild benutzt haben. Die Kopien sind auf 1438 bzw. 1440 datiert, ein Datum, das einen terminus post quem für die Entstehung der Miniaturen ergibt.

Die Bedeutung, die sich Münster als Zentrum der deutschen Niederlande-Forschung erworben hat, gab den Ausschlag dafür, dass ein Literaturdenkmal europäischen Ranges im Jahre 1991 an die Universität Münster verkauft wurde und seitdem in unserer Bibliothek aufbewahrt wird: die Dycksche Handschrift (Ms N.R. 381). Diese Handschrift ist im 2. Viertel oder in der Mitte des 14. Jahrhunderts im Westen der heutigen Provinz Utrecht geschrieben worden und befand sich seit 1430 im Besitz der Fürsten von Salm-Reifferscheidt auf Schloß Dyck bei Neuss. Sie enthält neben einer naturwissenschaftlichen Enzyklopädie, neben Jacob van Maerlants "Der Naturen Bloeme", vor allem das Epos "Van de vos Reynaerde", ein Werk, das den wichtigsten Beitrag der mittelniederländischen Literatur zur Weltliteratur darstellt. Gerade das Motiv des Reineke Fuchs hat sich ausgehend von seiner ältesten Überlieferung in der Dyckschen Handschrift in alle europäischen Literaturen ausgebreitet.
Die Dycksche Handschrift steht in digitalisierter Form über das Internet zur Verfügung.
Literatur: Westfälische Wilhelm-Universität Münster. Die Dycksche Handschrift. Red.: Bertram Haller und Hans Mühl. Berlin, Münster 1992. (Kulturstiftung der Länder - Patrimonia. Heft 44)
Standort: Handschriftenlesesaal H WES 2.61 Dyk 1

Nach der Veröffentlichung des modernen Handschriften-Katalogs von Eef Overgauw 1996 (s.o.) hat die Bibliothek weitere Handschriften erwerben können. Darunter sind zwei für die westfälische Buchkultur wichtige Zeugnisse. Der "Codex Henrici" (Cod. 1), eine illuminierte lateinische Bibelhandschrift aus dem 1. Viertel des 14. Jh., die nach einem Besitzeintrag eines "beschedenn Hynrich" benannt worden ist. Die ursprünglichen Auftraggeber sowie Provenienz und Funktion der Handschrift können nur erschlossen werden. Das Folioformat und die reiche Ausstattung mit historisierten Initialen auf Goldgrund weisen die Bibel als Glanzstück monastischer Repräsentation aus. Der Schriftvergleich sowie der Stil und die Ikonographie der Initialen deuten darauf hin, dass die Bibel im Raum Köln - Westfalen hergestellt worden ist. Die Zuweisung an ein bestimmtes Kloster ist noch nicht gelungen, einige Textbestandteile weisen auf ein Zisterzienserkloster hin. Der "Codex Henrici" zählt sicher zu den bedeutenden Beispielen gotischer Buchmalerei.
Literatur: Universitäts- und Landesbibliothek Münster. Der "Codex Henrici" - Lateinische Bibelhandschrift - Westfalen, 1. Viertel des 14. Jahrhunderts. Red.: Bertram Haller, Hans Mühl, Joachim Fischer. Münster 1998. (Kulturstiftung der Länder - PATRIMONIA; 144)
Standort: Handschriftenlesesaal H WES 2.61 CHe 10

Die letzte größere Erwerbung war 1998 das sogenannte Niesen-Missale. Das Messbuch, das im Jahre 1483 fertiggestellt wurde, stammt aus der St. Godehard-Kapelle des Schlosses Niesen (heute Stadt Willebadessen, Kreis Höxter) im Bistum Paderborn und ist ein kunsthistorisches und liturgiegeschichtliches Zeugniss von zentraler Bedeutung für die westfälische Kulturgeschichte, insbesondere für die Buchmalerei des ausgehenden 15. Jahrhunderts. Der kalligraphische Schmuck und die Malereien verweisen die buchkünstlerische Arbeit entschieden nach Westfalen. Die Schrift - eine Textura - ist nicht leicht einzuordnen. Der Buchschmuck ist typisch für die Erzeugnisse der Devotio moderna. Bei der Lokalisierung der Handschift ist das Augustiner-Chorherrenstift Böddeken in Erwägung zu ziehen. Vergleiche mit drei bisher ebenfalls noch nicht ausgiebig untersuchten Handschriften aus diesem Skriptorium bringen stilistisch sehr verwandt Einzelheiten zutage und machen deutlich, dass dieses Meßbuch durchaus in Böddeken entstanden sein kann. Die hohe Qualität aller Miniaturen, nicht nur des herausragenden Kanonblattes, können diese Zuordnung nur noch unterstreichen.

Aus der Zahl der neuzeitlichen Handschriften ist besonders die Handschriftensammlung aus Schloss Nordkirchen aus dem Besitz der für die Geschichte Westfalens so bedeutsamen Familien Fürstenberg und Plettenberg aus dem nahegelegenen Schloss Nordkirchen zu erwähnen. Sie ist im Wesentlichen von dem Fürstbischof von Paderborn und Münster Ferdinand von Fürstenberg (1626- 1683) und seinen beiden Neffen Christian Theodor (Domherr in Hildesheim und Münster gest. zw. 1693 und 1698) und Friedrich Christian von Plettenberg (1644-1706, Fürstbischof von Münster 1688-1706) zusammengetragen worden. Mit dieser Sammlung kamen wichtige Quellen zur westfälischen Kultur-, Geistes-, Kirchen- und Familiengeschichte aus dem 17. und 18. Jahrhundert in die Bibliothek.

Unter allen, die zum Aufbau der Nordkirchener Handschriftensammlung beigetragen haben, ist Ferdinand von Fürstenberg die überragende Erscheinung. Als neulateinischer Dichter und als Mäzen von Wissenschaft und Dichtung ist er weit über die Grenzen Westfalen bekannt geworden. Aufgrund seiner Reisen, seines neunjährigen Romaufenthaltes, seiner Freundschaft mit ungezählten Geistesgrößen des damaligen Europas und seiner intensiven historischen Studien vermittelt die große Zahl der von ihm stammenden Manuskripte ein eindrucksvolles und getreues Bild vom geistigen Leben seiner Zeit nur in Westfalen, sondern als Folge seiner engen Verbindung zum päpstlichen Hof Alexanders VII. und zu dessen gelehrten Freundeskreises auch in Rom und Italien, Frankreich und den Niederlanden. Neben Dokumenten seine persönlichen Lebens und seiner Verbindung zum römischen Kreis um Papst Alexander VII. und zu deutschen, französischen und niederländischen Gelehrten machen seine historischen Arbeiten zur Geschichte des Paderborner Bistums und anderes literarisch- historisches Quellematerial, das Fürstenberg zum Teil in den Vatikanischen Archiven hatte abschreiben lassen, die Bedeutung seiner Sammlung aus. Es sind darunter unveröffentlichte Manuskripte von Nikolaus Schaten S. J. zur westfälischen Geschichte, zur Geschichte des Münsterschen Bischofs Christoph Bernhard von Galen, überhaupt zur Geschichte des Bistums Münster, des Weiteren die noch nicht publizierte „Descriptio sive notitia Westphaliae" des Bernhard von Mallickrodt und das „Speculum Westphaliae" des Heinrich von Hövel, außerdem anonyme Werke und Bischofchroniken. Außerdem ist eine Abschrift von Friedrich Spees "Trutznachtigall" erwähnenswert, die noch vor der ersten Drucklegung des Textes entstanden ist.
Literatur: Ruth Steffen: Die Handschriftensammlung der Familien Fürstenberg und Plettenberg aus Schloß Nordkirchen in der Universitätsbibliothek Münster. - In: Westfälische Forschungen 21. 1968. S. 259-276.
Es existiert ein maschinenschriftlicher Kurzkatalog: Schloss Nordkirchen. Familienarchiv der Grafen Plettenberg und Fürstenberg. Um 1963.
Standort: Handschriftenlesesaal H ALL 0.4 MUS 30
Ein ausführlicher wissenschaftlicher Katalog dieser Sammlung ist in Bearbeitung.


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