Nachlässe

Allgemeines zu Nachlässen

Wie wichtig die Arbeit mit unerschlossenem Material für historisch arbeitende Disziplinen ist, belegen nicht zuletzt die Empfehlungen, welche der Deutsche Bibliotheksverband (AG Handschriften und Alte Drucke) ausgesprochen hat:
Rechtliche und praktische Aspekte in der Benutzung von Nachlässen
Nutzung von Nachlässen in Editionen, Ausstellungen und Seminaren
Erwerbung von Nachlässen

Nachlässe der ULB und ihr Erschließungszustand

Die Universitäts- und Landesbibliothek Münster besitzt z.Zt. über 140 Nachlässe, Teilnachlässe und Sammlungen. Eine vollständige Katalogisierung aller Nachlässe und Sammlungen wird angestrebt, lässt sich jedoch aufgrund der ungeheuren Dokumentenzahl und geringer personeller Ressourcen nicht so schnell realisieren. In einer Übersichtsliste können Sie feststellen, ob und wie die einzelnen Nachlässe und Sammlungen erschlossen und zu nutzen sind.
Überblick über alle Nachlässe und Sammlungen 

Kurzer inhaltlicher Abriß zum Sammlungsumfang

Seit Mitte der dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts ist die Bibliothek mit der Pflege von Nachlässen befasst, nachdem ihr bedeutendes Material zur Geschichte des „Kreises von Münster" übergeben wurde: die Korrespondenz der Fürstin Amalia von Gallitzin (1748-1806) mit dem Universitätsgründer Franz von Fürstenberg (1729-1810) und dem niederländischen Philosophen Frans Hemsterhuis (1721-1790) sowie der Nachlass des Dichters, Juristen und Historikers Anton Matthias Sprickmann. Mit diesem schöngeistig, literarisch, philosophisch und theologisch interessierten Kreis kam so etwas wie ein aufklärerischer Geist (im Sinne der katholischen Aufklärung) in die konservative Stadt Münster. Man unterhielt Verbindungen zu Friedrich Gottlieb Klopstock (1724- 1803) in Hamburg, zu Friedrich Heinrich Jacobi (1743-1819) in Düsseldorf, zu Johann Georg Hamann (1730-1788) in Königsberg, und auch zu Goethe und Herder in Weimar. Unter dem Einfluss dieses Kreises konvertierte Friedrich Leopold Stolberg im Jahre 1800 in Münster zum Katholizismus.
Stolberg, Jacobi und Franz Overberg sind mit kleineren Sammlungen vertreten. Johann Georg Hamann kam der Fürstin und Fürstenbergs wegen nach Münster. Sein Nachlass (ohne die Korrespondenz) kam in den 50er Jahren aus dem Vorbesitz des Germanisten Josef Nadler als Kopie in die ULB - das Original ist seit dem Zweiten Weltkrieg in Königsberg verschollen. Das kostbarste Einzelstück ist in diesem Zusammenhang ein dreiseitiger eigenhändiger Brief Goethes an die Fürstin Gallitzin vom 20. September 1802.
Literatur:

  • Amalia Fürstin von Gallitzin - „Meine Seele ist auf der Spitze meiner Feder" [Ausstellungskatalog]. Hrsg. von Petra Schulz in Zusammenarb. mit Erpho Bell. Münster 1998. (Schriften der Universitäts- und Landesbibliothek Münster; Band 17)
    Standort: Handschriftenlesesaal H WES 2.61 Gal 10
  • Anton Matthias Sprickmann (1749-1833) - „Dank Gott und Fürstenberg, daß sie mich auf den Weg brachten" [Ausstellungskatalog]. Hrsg. von Erpho Bell. Münster 1999. (Schriften der Universitäts- und Landesbibliothek Münster; Band 21)
    Standort: Handschriftenlesesaal H WES 2.61 Spr 20
  • Renate Knoll: Johann Georg Hamann 1730-1788. Quellen und Forschungen [Ausstellungskatalog]. Bonn 1988 (Schriften der Universitätsbibliothek Münster; Band 3)
    Standort: Handschriftenlesesaal H WES 2.61 Ham 9

Die Autographen und Nachlässe haben den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden - anders als die Handschriften - und ihre Sammlung wird weitergeführt. Sie ist regional, das heißt im Wesentlichen westfälisch-niederdeutsch ausgerichtet - auch hier mit den bekannten Ausnahmen von der Regel. Dabei hat sich ein Schwerpunkt herausgebildet, der in der Zeit des ausgehenden 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts liegt.

Neben den bereits erwähnten Nachlässen dieser Zeit bemüht sich die Bibliothek um Zeugnisse von und über Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) und ihre Familie - auch wenn der eigentliche Nachlass der Dichterin seinerzeit nicht in ihren Besitz, sondern in den der Staatsbibliothek zu Berlin kam. Seit 1997 hat die Staatsbibliothek zu Berlin anlässlich der Feiern zum 200. Geburtstag der Dichterin diesen Komplex der ULB Münster in einem Leihvertrag als Dauerleihgabe überlassen. Mit dem Nachlass des Münsterschen Germanisten Karl Schulte Kemminghausen (1892-1964) gelangte eine stattliche Zahl von Dokumenten aus dem Umfeld der Dichterin in die Bibliothek; denn Schulte Kemminghausen war auf seinem Forschungsgebiet ein großer Autographensammler. Dass Annettes Onkel August von Haxthausen (1792-1866) an maßgeblicher, aber geheim gehaltener Stelle an der Vorbereitung zur Bauernbefreiung in Russland in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts beteiligt war, kam erst durch die Erschließung seines Nachlasses zu Tage, der sich seit 1967 in der Bibliothek befindet. Sein Nachlass gibt außerdem ein anschauliches Bild vom Leben des westfälischen Landadels in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, über seine Mitarbeit an den Grimmschen Märchen und über seine agrarhistorische Tätigkeit im Gebiet Preußens. In den Droste-Umkreis gehört auch der Teilnachlass Christoph Bernhard Schlüter (1801-1884), des Mentors und Freundes der Dichterin.
Literatur:

  • Peter Heßelmann: August von Haxthausen (1792-1966) - Sammler von Märchen, Sagen und Volksliedern, Agrarhistoriker und Rußlandreisender aus Westfalen. [Ausstellungskatalog] Münster 1992 (Schriften der Universitätsbibliothek, Band 8)
    Standort: Handschriftenlesesaal H WES 2.61 Hax 52;
  • Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) - „aber nach hundert Jahren möcht ich gelesen werden" [Ausstellungskatalog]. Hrsg. Von Bodo Plachta. Wiesbaden 1997. (Schriften der Universitäts- und Landesbibliothek Münster; Band 16; Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz. Ausstellungskataloge. Neue Folge 23)
    Standort: Handschriftenlesesaal H WES 2.61 ADH 30

Ins 19. Jahrhundert gehört auch noch der Nachlass des „letzten Katholiken" im preußischen Kultusministerium Josef Linhoff (1819-1893) mit einer umfangreichen Autographensammlung (u.a. Friedrich Wilhelm Weber, 1813-1894). Aus dem 20. Jahrhundert sind hervorzuheben die Nachlässe des in Münster geborenen Völkerrechtlers Walter Schücking (1875-1935), eines Enkels von Levin Schücking, und des ebenfalls aus Münster stammenden Expressionisten August Stramm (1874-1915), ferner Sammlungen von Briefen und Manuskripten von Hermann Löns (1866-1914) und Augustin Wibbelt (1862-1947) sowie der komplette Nachlass Karl Wagenfelds (1869.1939). Wagenfeld ist neben Augustin Wibbelt nicht nur der bedeutendste plattdeutsche Dichter Westfalens und Begründer des Westfälischen Heimatbundes, sondern auch als Volkskundler über die Grenzen der Region hinaus bekannt geworden. Zu den literarischen Nachlässen der Bibliothek zählt auch der des Annette-von Droste- Preisträgers Willy Kramp (1909- 1986).
Literatur:

  • Eine Liste der literarischen Nachlässe und Sammlung der ULB Münster (Stand 1995) in: Dagmar Rohnke-Rostalski: Literarische Nachlässe in Nordrhein-Westfalen.Wiesbaden 1995. S. 446-447 (Schriften der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf; 24)
    Standort: Handschriftenlesesaal H BIB 3.27:400
    Siehe auch: Literarische Nachlässe in Westfälischen Archiven, Datenbank der Literaturkommission für Westfalen

Unter den nicht-westfälischen Nachlässen ragen vier Komplexe heraus:

  • der orientalische Nachlass Friedrich Rückerts (1788-1866), der ein anschauliches Bild bietet für Rückerts stupende Kenntnis der orientalischen Sprachen und seine unübertroffene Kunst der Übersetzung ins Deutsche aus dem Sanskrit, Arabischen, Hebräischen, Indischen u.ä.
    Die katalogisierten Dokumente sind in der Datenbank HANS zu finden.
  • der familienbezogene Teilnachlass des Rechtswissenschaftlers und preußischen Ministers Friedrich Carl von Savigny (1779-1861). Der Begründer der historischen Rechtsschule zeigt sich in diesem Briefwechsel vor allem als Familienvater, engagierter Christ und Schwager der Brentanos und Achim von Arnims. Hunderte von Briefen geben ein facettenreiches Bild des geistigen und politischen Lebens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts;
  • der Teilnachlass von Carl von Clausewitz mit wichtigen militärkundlichen Arbeiten, v.a. Ergänzungen und Materialien zu seinem Hauptwerke „Vom Kriege";
  • die Familienkorrespondenz der Erlanger Familie von Raumer aus dem 19. Jahrhundert mit ihrer Verbindung zur Familie des Komponisten und Hofkapellmeisters Friedrichs d. Gr. Johann Friedrich Reichardt (1752-1814). Dessen Tochter Friederike (1790-1869) war mit dem Pädagogen, Mineralogen und Naturphilosophen Karl von Raumer (1783-1865), einem Bruder des Historikers Friedrich von Raumer (1781-1873), verheiratet. Ihr ältester Sohn Rudolf von Raumer (1815-1876) zählte zu den engen Schülern Jacob und Wilhelm Grimms und wirkte später als Germanistikprofessor in Erlangen. Der zweite Sohn Hans von Raumer (1820-1851) schließlich war jüngster Abgeordneter in der Frankfurter Nationalversammlung 1848/49.
    Die katalogisierten Dokumente sind in der Datenbank HANS zu finden.

Mit der Sammlung von Graphikern und Buchkünstlern will die ULB Münster keineswegs den Kunstmuseen Konkurrenz machen. Sie fühlt sich aber legitimiert, ihre Sammlung von Büchern mit Originalgraphiken durch weitere graphische und schriftliche Zeugnisse von Künstlern, insbesondere Buchkünstlern zu ergänzen. So wird drei Künstlern besondere Aufmerksamkeit gewidmet:

  • Marcus Behmer (1879-1958), von dem die ULB eine Sammlung von Exlibris und Kleingraphik besitzt
  • Georg Broel (1884-1940), der vielen Bibliophilen bekannt geworden ist durch seine Radierungszyklen und eine Fülle von Exlibris
  • Melchior Lechter (1865-1937), der durch Bücher, Akzidenzdrucke, Exlibris, Briefe und Fotos vertreten ist.

Kleinere graphische Sammlunge besitzt die Bibliothek von westfälischen Buchkünstlern wie Augustin Heumann (1885-1919), Heinrich Everz (1882-1967) und Hans Pape (1894-1970).

Aus dem Bereich der Universität Münster stammen folgende wissenschaftliche Nachlässe und Sammlungen:

  • Anton Antweiler (1900-1981, Katholischer Theologe)
  • Anton Baumstark (1872-1948, Orientalist)
  • Karl-Georg Faber (1925-1982, Historiker)
  • Hans Freyer (1887-1969, Soziologe)
  • Hubert Grimme (1864-1942, Orientalist)
  • Paul Hacker (1913-1979, Indologe)
  • Johannes Hielscher (1871-1945, Philosoph)
  • Wolfgang Keller (1873-1943, Anglist)
  • Wilhelm Killing (1847-1923, Mathematiker)
  • Friedrich von Klocke (1891-1960, Historiker)
  • Paul Krause (1871-1934, Mediziner)
  • Wilhelm Müller-Wille (1906-1983, Geograph)
  • Friedrich Philippi (1853-1930, Historiker)
  • Kurt von Raumer (1900-1982, Historiker)
  • Richard Schmidt (1866-1939, Indologe)
  • Helmut Schreiner (1893-1962, Evangelischer Theologe)
  • Karl Schulte Kemminghausen (1892-1964, Germanist)
  • Fritz Spannagel (1862-1937, Historiker)
  • Wilhelm Storck (1829-1905, Germanist und Romanist)
  • Kurt Tackenberg (1899-1992, Prähistoriker)
  • Jost Trier (1894-1970 , Germanist)
  • Hermann Wätjen (1876-1944, Historiker)
  • Heinz-Dietrich Wendland (1900-1992, Evangelischer Theologe).

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