Meister der Einbandkunst

Die Universitäts- und Landesbibliothek Münster betreut seit 1976 das Archiv der "Meister der Einbandkunst – Internationale Vereinigung e.V." (kurz: MDE). In dieser Vereinigung haben sich Handbuchbinderinnen und –buchbinder mit künstlerischer Qualifikation zusammengeschlossen. Das Archiv enthält neben Akten, Fotos, Briefen usw. eine Sammlung von Fachbüchern, die (allerdings nur zur Benutzung im Lesesaal) auch über die Fernleihe zugänglich ist. Besonders wertvoll ist die zum Archiv gehörende Sammlung von Handeinbänden, zurzeit etwa 255 Bände, die nur im Handschriftenlesesaal der ULB eingesehen werden dürfen.

Geschichte des MDE

Die Vereinigung „Meister der Einbandkunst" bildete sich 1923 als Abspaltung vom Jakob-Krause-Bund, der 1912 in Leipzig als Vereinigung deutscher Kunstbuchbinder gegründet worden war. Ziel des Jakob-Krause-Bundes war vor allem die „Zusammenfassung der Hand- und Kunstbuchbinder zur Wahrung wirtschaftlicher und ideeller Interessen und zur geschlossenen Stellungnahme zu einschlägigen Fragen"; so steht es im Programm der Gründungsversammlung. Der Name der Vereinigung zeigt, unter welchen Anspruch man sich stellte. Der Jakob-Krause-Bund zählte noch heute hochgeschätzte Einbandkünstler zu seinen Mitgliedern (genannt seien hier nur Paul Adam, Otto Dorfner, Paul Kersten und Franz Weiße), von denen einzelne aber sehr schwierige Persönlichkeiten, um nicht zu sagen ziemliche Querköpfe, waren.

Das gilt besonders für Paul Kersten, der sehr bald bestimmenden Einfluß im Jakob-Krause-Bund erlangte. Gleich bekannt als Einbandkünstler, Einbandtheoretiker und Fachlehrer war er für den Bund Glanzlicht und Sprengsatz zugleich. So war es im Wesentlichen eine Absage an seine angemaßte Führung (denn er war seit 1921 kein Vorsitzender mehr, beanspruchte als „Ehrenvorsitzender" aber in allen Fragen weiterhin die letzte Entscheidung), dass es am 28. Januar 1923 in der Deutschen Bücherei in Leipzig zur Gründung einer Sezession, eben des MDE, kam. Zu den Gründungsmitgliedern zählten u.a. Otto Dorfner, Otto Pfaff, Franz Weiße (als spiritus rector und Finder des Vereinsnamens) und Ignatz Wiemeler.

Der MDE überflügelte sehr bald den noch bis 1931 weiterbestehenden Jakob-Krause-Bund an Mitgliederzahl und Bedeutung. Die Beschränkung auf den deutschsprachigen Raum hatte er von Anfang an aufgegeben. 1937 sah er sich jedoch zur Selbstauflösung gezwungen, da er nicht gewillt war, sich der nationalsozialistischen Gleichschaltung zu beugen. Zur Neugründung kam es erst am 8. Juni 1951. Vielen Mitgliedern des alten MDE, aber auch neuen Meistern erschien es gerade in den für die Einbandkunst so schwierigen Nachkriegsjahren als notwendig, sich in einer Interessengemeinschaft zusammenzuschließen. Seit 1964 trägt der MDE den Namenszusatz „Internationale Vereinigung", um hierdurch noch deutlicher zu machen, dass er qualifizierten Einbandkünstlern aus aller Welt offen steht. Nur durch diesen Zusatz „Internationale Vereinigung" konnte er die Spaltung Deutschlands und Europas nach dem Zweiten Weltkrieg in diesem schmalen Sektor überwinden und auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs präsent bleiben, wenn auch sein Schwerpunkt eindeutig im Westen lag.

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Aufgaben und Zielsetzung des MDE

Der MDE hatte nach Auskunft der Schatzmeisterin Annemarie Miessen im Jahr 2000 50 aktive und 137 fördernde Mitglieder. Bemerkenswert ist der stetig gestiegene Anteil von Personen, die ihren Wohnsitz nicht in der Bundesrepublik Deutschland haben. Bei den vorrangig wichtigen aktiven Mitgliedern stellten sie im Jahr 2000 sogar die knappe Mehrheit: 24 Deutschen standen 26 Ausländer gegenüber. Und von den fördernden Mitgliedern waren immerhin auch 23 Ausländer.

Die Aufnahme-Bedingungen für die aktiven Mitglieder sind zuletzt 1971 in der damals geänderten Satzung festgelegt worden. Dort heißt es unter anderem:
„Der Antrag zur Aufnahme in den Verein ist schriftlich beim Präsidenten oder beim Vizepräsidenten zu stellen. ... Über die Aufnahme von aktiven Mitgliedern entscheidet die Hauptversammlung durch Abstimmung, nachdem drei vom Präsidenten zu ernennende Juroren die vorliegenden Arbeiten geprüft und beurteilt haben. ... Vorzulegen sind fünf Arbeiten, verschieden ausgeführt nach Material und Technik. Meisterstücke, Diplom- und Fachschularbeiten sind nicht zugelassen."
Man bemüht sich also um ein strenges nachprüfbares Auswahlverfahren, mit dem Ziel, das Niveau des MDE möglichst hoch zu halten.

Seit dem Beginn der sechziger Jahre stellte man im MDE immer wieder Überlegungen an, ein Archiv zu gründen, das sowohl das eigentliche Aktenmaterial der Vereinigung, als auch Briefwechsel, Fotos, Fachbücher und künstlerische Handeinbände aufnehmen sollte. Doch war von vornherein klar, dass aus finanziellen und personellen Gründen eine selbständige Einrichtung nicht in Frage kam, sondern nur die Übernahme der MDE-Bestände als Depositum durch eine andere leistungsfähige Institution - sei es ein Museum, ein Archiv oder eine Bibliothek. Das sehr heterogene Material, das ein MDE-Archiv einmal sammeln sollte, vor allem aber die Anforderungen an die Benutzung schränkten jedoch den Kreis möglicher Interessenten ein: Archive und Museen pflegen auch ihre Buchbestände im Regelfall als Präsenzbibliotheken zu behandeln, der MDE legte aber mit Recht Wert darauf, dass die Benutzung seiner Fachbücher über den auswärtigen Leihverkehr gewährleistet sein müßte. Damit blieben nur die Bibliotheken als mögliche Aufbewahrungsstätten für das Archiv. Sie sind auf den Leihverkehr eingestellt; die größeren und älteren unter ihnen haben aber auch Erfahrung mit Autographen und sonstigen „klassischen" non-book-materials und verstehen sich zudem darauf, geeignete Bestände in Ausstellungen zu präsentieren.

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Die ULB Münster und das Archiv des MDE

Dass die Universitätsbibliothek (heute: Universitäts- und Landesbibliothek) in Münster als Aufbewahrungsort des Archivmaterials gewählt wurde, lag vorrangig an der Bereitschaft des damaligen Leiters der Bibliothek, Professor Liebers, sich auf die Bedingungen und Wünsche des MDE einzulassen. Der Vertrag spricht genau die Archiv- und die Ausleihfunktionen an, die die Bibliothek zu leisten hat.

Die Entscheidung für Münster fiel im MDE-Vorstand Ende Oktober 1975. Das Besondere war, dass zunächst ein Archiv ohne Bestand gegründet wurde, am ehesten noch einem Konto zu vergleichen, das ohne nennenswerte Einzahlung eröffnet wird. Die vertragliche Installation eines MDE-Archivs an der Universitätsbibliothek Münster war also anfangs nicht mehr als ein rechtlicher Rahmen für den Eingang von Sammlungsmaterial.

Zwar war schon ein solider Fundus vorhanden bei dem sicherlich wichtigsten „Paten" des gerade aus der Taufe gehobenen Archivs: Gustav Moeßner (1903-1993). Nach der Vertreibung aus Schlesien lebte er Jahrzehnte lang als Buchbindermeister in Weilheim / Teck. Von 1947 – 1979 war er Schriftleiter des „Allgemeinen Anzeigers für Buchbindereien". 1951 war er maßgeblich an der Neugründung des MDE beteiligt, lange Jahre Schriftführer des Vereins und seit 1970 Ehrenmitglied im MDE. Immer wieder hatte er auf Jahresversammlungen des MDE darauf hingewiesen, dass man ein Archiv mit einer gut ausgebauten Fachbuchsammlung brauche. Und was noch wichtiger war: Moeßner hatte das schon vorliegende Aktenmaterial von den Jahresversammlungen usw. sowie die wenigen Bücher im MDE-Besitz gesammelt und vorgeordnet und war überdies bereit, einen großen Teil seiner eigenen Fachbücher und künstlerischen Handeinbände, darunter auch sehr gute Arbeiten anderer Meister, als Grundstock des Archivs zu stiften. Bis in sein hohes Alter ist er als Spender und Mentor eine wesentliche Stütze des Archivs geblieben. Er war auch maßgeblich an den Formulierungen des Vertrages zwischen dem MDE und der Bibliothek beteiligt.

Der Vertrag unterscheidet drei Gruppen von Archivmaterial:

  • Hand- und maschinenschriftliches Material, Photos, Prospekte usw.
  • Fachliteratur
  • Bücher mit künstlerischen Handeinbänden.

In diesem Zusammenhang interessiert nur die letzt genannte Gruppe: künstlerische Handeinbände. Die Einbandsammlung umfasst zurzeit ca. 255 Bände und ca. 30 Alben, Kassetten, buchbinderisch gefertigte Schachteln usw.. Sie sind licht- und staubgeschützt in Metallschränken im klimatisierten Sonderbereich untergebracht.

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Was als „künstlerischer Handeinband" einzustufen ist, entscheidet nicht die Bibliothek allein. Die Festlegung erfolgt in allen Zweifelsfällen in Zusammenarbeit und Abstimmung mit einem MDE-Beauftragten. So finden sich neben aufwändigen Ganzfranzbänden mit Blind- und Goldprägung zum Beispiel auch schlichte Inselbändchen, die von Otto Pfaff in den fünfziger Jahren mit damals neuartigen, von ihm und seinen Schülern geschaffenen Kleisterpapieren bezogen wurden. Frida Schoy, die bekannte Dozentin an der früheren Folkwangschule Essen, hat für den eigenen Gebrauch Fachbücher teilweise sehr geringen Umfangs in uniforme Halblederbändchen gebunden. Einige davon wurden zu den „Künstlerischen Handeinbänden" gestellt - als Beispiele für den sachlich-strengen, handwerklich immer äußerst präzisen Stil dieser Einbandkünstlerin.

Viele der hier versammelten Einbände wurden nicht nur zu Präsentationszwecken geschaffen, sondern - oft über Jahre - als Fachbücher genutzt, gelesen, verliehen, zu Ausstellungen verschickt usw.. Das ist an den Bänden nicht spurlos vorübergegangen. Und doch zeigen diese durch ihre wechselvolle Vergangenheit geprägten Einbände nicht weniger, dass sie von Meisterhand geschaffen wurden, als die gänzlich unberührten. Sie beweisen, dass sich künstlerische Gestaltung, handwerkliche Meisterschaft und praktische Brauchbarkeit beim guten Handeinband nicht ausschließen. – Doch sollte der Härtetest im MDE-Archiv nicht fortgesetzt werden. Deshalb dürfen die künstlerischen Handeinbände im MDE-Bestand nur unter Aufsicht im Handschriftenlesesaal der Bibliothek ein- bzw. angesehen werden. Nur mit Genehmigung des Vorstandes bzw. der Bibliotheksbeauftragten des MDE ist eine Ausleihe zu Ausstellungszwecken möglich.

Die Liste der im MDE-Archiv mit Handeinbänden vertretenen Meisterinnen und Meister ist inzwischen schon recht lang, doch sind ein paar Feststellungen weiterhin notwendig: Die ganz großen - auch international geschätzten – Namen fehlen, z.B. Kersten, Dorfner (von dem das Archiv allerdings einige Briefe besitzt) oder gar Wiemeler, obwohl er gebürtiger Westfale ist, sich also in der westfälischen Landesbibliothek besonders gut ausnehmen würde. Kersten hat dem MDE - begreiflicher- und glücklicherweise - nie angehört, aber ein paar Einbände von seiner Hand hätte die ULB doch gern im Bestand, da das Archiv auch sonst eine Reihe bemerkenswerter Arbeiten von Nichtmitgliedern besitzt (z.B. von Frida Schoy oder Margret Schulte-Vogelheim).
Auf der anderen Seite ist nur ein relativ kleiner Teil der früheren wie der heutigen MDE-Mitglieder mit eigenen Arbeiten vertreten. Diese scheinbaren Ungereimtheiten werden leichter verständlich, wenn man bedenkt, dass das MDE-Archiv keinen eigenen Erwerbungs-Etat hat, sondern ausschließlich von Schenkungen lebt. Meisterinnen und Meister schenken Fachbücher und Handeinbände aus ihrem Besitz oder bemühen sich um Nachlässe von Kollegen, die im Ruhestand oder verstorben sind. Besonders erfolgreich in dem letztgenannten Bereich waren bis jetzt Frau Hilde Große-Heitmeyer (Essen) und die langjährige MDE-Präsidentin Frau Sonnfriede Scholl (München).

Bedauerlicherweise sind bis jetzt nur wenige Einband-Beispiele von noch berufstätigen Buchbindern vorhanden. Obwohl Gründungspräsident Gotthilf Kurz schon vor 25 Jahren angeregt hatte, jedes aktive Mitglied solle wenigstens ein Beispiel seines Könnens im Archiv deponieren. Aber man muss sich auf der anderen Seite auch vor Augen halten, dass gerade Buchbinderinnen und Buchbinder, die eine eigene Werkstatt haben, freie Stücke als Beispiele behalten müssen, die man Kunden vorlegen, auf Ausstellungen präsentieren kann usw..
Dennoch sind im MDE-Archiv auch einige Arbeiten jüngster Zeit zu finden, so von August Kulche aus Brüssel und Edgar Claes (Kreuzherrenbruder in Diest/Belgien).

Ausführlicher, wenn auch in den Zahlen tw. überholt: Wolfhard Raub, Das MDE-Archiv. In: Bibliothek in vier Jahrhunderten, Münster 1988, S.317-337 (mit Literaturangaben u. 12 Abb.).
Standort: Handschriftenlesesaal H WES 2.61:654, Lesesaal L WES 2.72 MUS 20


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