Der „Sternenbote“ des Galilei oder: Vom Index in die Klosterbibliothek

Galileo Galilei: Sidereus Nuncius. – Venedig: Thomas Baglio 1610 (Erstausgabe).
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Die politische Landschaft und damit die Bibliothekslandschaft in Westfalen zeichnet sich am Beginn des 17. Jahrhunderts durch eine große Vielschichtigkeit aus: Zahlreiche Territorialstaaten führen jeweils ihr Eigenleben in politischer, konfessioneller, kultureller und auch ökonomischer Hinsicht. Zu nennen sind neben den Fürstbistümern Münster und Paderborn vor allem die brandenburgisch-preußischen Besitzungen Mark und Ravensberg, die Freie Reichstadt Dortmund und das kurkölnische Sauerland.
In Laufe der Umwälzungen durch den 30jährigen Krieg und seine Folgen (Plünderungen, Brandschatzungen, demographische Auswirkungen) wurden viele Bibliotheken (etwa Corvey) sehr stark in Mitleidenschaft gezogen. Erst ab dem Ende des 17. Jahrhunderts setzt wieder ein Aufschwung ein: Er manifestiert sich z.B. in Wedinghausen durch den Bau des ersten eigenständigen Bibliotheksgebäudes in Westfalen im Jahre 1694 – schmucklos und funktional.
Eine Blütezeit stellt das beginnende 18. Jahrhundert dar, v.a. im Bereich der klösterlichen Bibliotheken und der Gelehrtenbibliotheken. Auch die Konvente und die Kirchen werden in dieser Zeit oft noch einmal barock umgestaltet und ausgebaut.

Säkularisation: Sprung in die Moderne?

Ob die Französische Revolution und die damit einhergehende Säkularisation wirklich „die Fesseln des Schlendrian zerbrochen“ hat und den Sprung in die Moderne ermöglicht hat, mag der Diskussion der Historiker anheimgestellt sein. Unstreitig ist, dass die geistlichen Fürstbistümer und die Klöster in ihren Regionen wichtige Träger und Förderer von Kunst und Wissenschaft und bisweilen blühende Wirtschaftsbetriebe waren.

Durch den Reichsdeputationshauptschluss konnten sich in Westfalen vor allem Preußen und Hessen-Darmstadt auf Kosten der geistlichen Territorien vergrößern, das Vermögen der Fürstbistümer, Klöster, Abteien und Stifte und ihre Bibliotheken wurden enteignet. § 35 des Reichsdeputationshauptschlusses bestimmte ebenso präzise wie lapidar, dass alle Güter der fundierten Stifte, Abteien und Klöster ... der freien und vollen Disposition der respektiven Landesherren, sowohl zum Behuf des Aufwandes für Gottesdienst, Unterricht und andere gemeinnützige Anstalten, als zur Erleichterung ihrer Finanzen ... überlassen werden sollten. Die Überlassung des Vermögens sollte also einer klaren Zweckbestimmung folgen: „für Gottesdienst, Unterrichts- und andere gemeinnützige Anstalten“.

Für die Bibliotheken, aber auch für die Sammlungen von sakralen Gerätschaften, für die Archive und die Kunstsammlungen bedeutet dies Verlust oder Zerstörung. Große bedeutende Bibliotheken, wie etwa die der beiden benediktinischen Reichsabteien Corvey und Werden werden auseinander gerissen und verschleudert. Nur kleinere Bestandseinheiten gelangten in öffentliche Sammlungen. Einige Klosterbibliotheken wurden durch Deklaration als Pfarrbesitz oder Schulbesitz vor dem Verschleudern oder der physischen Vernichtung bewahrt – wenngleich meist nur das „Nützliche“ verwahrt wurde.

Nur „nützlich“: Erhalt für die Region

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Abb.: Titelseite des Sternenboten. Deutlich sichtbar der Besitzvermerk des Wedinghäuser Mönches und Oelinghäuser Beichtvaters Frater Sebastianus Menge, Professus Wedinghusanus, Confessarius Olinghusanus
© ULB

Dieses „Nützliche“ war es dann auch, welche den Sidereus Nuncius von Galileo Galilei gerettet hat. Insgesamt ist zunächst zu konstatieren, daß wir heute nur noch wenige Werke aus der Wedinghauser Bibliothek besitzen, vieles ist verschollen. Daß der „Sidereus Nuncius“ nur als „nützlich“ und nicht als „kostbar und wertvoll“ eingestuft worden ist (wie man es heute machen würde), beweist sein weiteres Schicksal. Im Inventar der Bibliothek zu Wedinghausen, welches der Säkularisationskommissar 1803 anlegt, ist der Band mit einer bibliographisch kurzen, aber eindeutigen Aufnahme vermerkt.

Gleichwohl wurde er nicht, wie die Zimelien (mittelalterliche, z.T. illuminierte Handschriften sowie alte und seltene Drucke) beim Huldigungslandtag der Stände dem neuen Landesherrn, dem späteren Großherzog Ludwig I. von Hessen-Darmstadt präsentiert, sondern gelangte, da mit einem eher unscheinbaren Ganzpergamentband versehen, in die sogenannte Regierungsbibliothek, welche dann später in die Paulinische Bibliothek Münster, die Vorgängereinrichtung der heutigen Universitäts- und Landesbibliothek überführt wurde (vermutlich im Jahre 1874). Mit ihm gelangten auch andere naturwissenschaftliche, mathematische und astronomische Werke des frühen 17. Jahrhunderts nach Münster.

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Abb.: Korrekturen im Exemplar durch Überklebung: Galilei benennt, offenbar nachträglich, die von ihm entdeckten Jupiter-Trabanten als „Mediceische Sterne“, zweifellos, um sich der Gunst des Herrschers zu versichern.
© ULB

Woher stammt nun das Wedinghauser Exemplar des Sidereus Nuncius? Zu diesem Behufe mag es nützlich sein, sich die Druck- und möglicherweise Verbreitungsgeschichte etwas näher anzusehen. Der Druck des Sidereus Nuncius erfolgte in großer Eile und Hast, noch während des Druckes durch den liberalen Venezianer Verleger Thomas Baglio wurden von Galilei ständig Korrekturen nachgeliefert, welche eingearbeitet werden mussten.

Als der Band schließlich ausgeliefert wird, dürfte Galilei (er spricht von seinem Exemplar als einem „nassen“, also druckfrischen Exemplar) den Wettlauf gegen die Konkurrenten (zumindest vorläufig) gewonnen haben. Doch bald treten, trotz des Druckprivilegs, die Nachdrucker auf den Markt, so Zacharias Palthenius in Frankfurt und finden ebenfalls guten Absatz, wenngleich die Qualität der Abbildungen in ihren Publikationen deutlich schlechter ausfällt. Wie der Band dann schließlich von Venedig nach Wedinghausen kam, darüber kann man nur spekulieren. Schriftliche Quellen existieren darüber nicht, schließlich stand der Band auf dem Index librorum prohibitorum, ein öffentliches Zurschautragen des Besitzes dürfte in einem geistlichen Territorialstaat nicht angemessen gewesen sein.

Literaturhinweis:

BREDEKAMP, Horst: Galileo Galileis “Sternenbote” von 1610: Der Beginn der neueren Mondbetrachtung, in: Andreas Blühm (Hg.): Der Mond, Ostfildern 2009, S.88-91.