008 LOSCHI, ALFONSO:
Compendi Historici Del Conte Alfonso Loschi. - In questa Sesta Impresione
regolati, & accresciuti
dall’ Autore con aggionta de più memorabili successi di Europa,
e Leuante Sino L’Anno MDCLXVIII.. – Vicenza : Amadio, 1668 ; 8° [i.e.
4°].
Auch Kupfert. - Vorlageform des Erscheinungsvermerks: Apresso Giacomo Amadio.
Erschienen: Bd. 1 - 2
Signatur: 1619-1 u. 2
Über die 1652 erschienene erste Auflage der Abhandlung zur Geschichte der
europäischen
Fürstenhäuser wußte Zedlers berühmtes »Grosses
Universal-Lexicon« 1738
zu berichten: »Loschi, (Alphonsus) ein Italiänischer Graf zu Vicenza
in der Lombardey, lebte in der ersten Hälffte des 17. Jahrhunderts,
und beschrieb die meisten Reiche und Staaten in Europa, welche zu Venedig
1652. in
fol. unter dem Titul: Compendium historicum, zusammen gedruckt worden.« Das
Exemplar der Sammlung Westerholt-Gysenberg wurde 1668 in Vicenza, dem Wohnort
des Verfassers, gedruckt.
Die Illustration auf dem Kupfertitel des ersten Bandes dieser Ausgabe zeigt
die mythische Entführung der phönizischen Prinzessin Europa. Göttervater
Zeus hatte sich in die Tochter des Königs Agenor verliebt und sie in Gestalt
eines Stieres über das Meer nach Kreta getragen. Aus dieser recht ungewöhnlichen
Verbindung gingen drei Söhne hervor: Minos, der künftige König
von Kreta, Sarpedon, der später am Krieg gegen Troja teilnahm und von Patroklos
getötet wurde und Rhadamánthys, dem gemeinsam mit seinem Bruder Minos
das Amt des Totenrichters in der Unterwelt übertragen wurde. Auch in der
Generation der Söhne der Europa spielte noch einmal die erotische Beziehung
zu einem Stier eine – nun aber verhängnisvolle – Rolle. Minos’ Gattin
Pasíphae entbrannte in rasendem Verlangen nach dem prächtigen, Poseidon
als Opfertier geweihten Rind. Frucht ihres Fehltritts war der Minotaurus, ein
stierköpfiges Mischwesen, dem Athen Jahr um Jahr die Blüte seiner Jugend
opfern mußte, bis schließlich Theseus das Ungeheuer im Labyrinth
zu Knossos erschlug.
Unmittelbarer als der in der Entführungsszene geschilderte Mythos vom göttlichen
Ursprung einer Dynastie ist die darüber eingefügte zweite Bildebene
auf den historisch-genealogischen Inhalt des Werkes bezogen. Vor dem Bogensegment
des Zodiakus schweben zwei geflügelte Wesen. Zu ihren Füßen flattern
unbekleidete, Spruchbänder haltende Putti. Links lautet die Inschrift »Hoc
Virtutis Opus«, rechts »Factis Extendere Famam« (»Dies
Werk der Tugend (1)« – »gemacht, den Ruhm (2) zu verbreiten«).
Das linke, bekränzte Flügelwesen trägt als »Gestirnsengel« einen
mit menschlichen Gesichtszügen versehenen Stern auf der Brust. Die rechte
Hand hält einen Stab oder Speer, die linke hebt Krone, Zepter, Kette und
Herz(?) empor – Attribute der Herrschaft, die der Fürst dem kosmischen
Fatum seiner adligen Geburt verdankt. Das rechte Flügelwesen entspricht
ikonographisch weitgehend dem Typus des, häufig als Künder des Weltgerichts
dargestellten, christlichen Posaunenengels. Allerdings lassen die spärliche
Bekleidung und der – an Darstellungen der Victoria oder Virtus erinnernde – eindeutig
weiblich definierte Phänotyp sowie die Inschrift des rechten Spruchbandes
eher an eine Personifikation des Fürstenruhms denken (3).
Weitere interessante Details auf dem Kupferstich sind die im Hintergrund
links sichtbare Hafenstadt mit dem – erstaunlich für die Darstellung eines
vorchristlichen Mythos – kreuzbekrönten Turm und der vorne rechts
an einen Baum gelehnte Wappenschild der Familie des Verfasser, der Grafen Loschi
(bzw. Losco). (4)
Die genealogische Tafel aus dem zweiten Teil des Werkes enthält den Stammbaum
der Habsburger von König Rudolf I. (* 1218, † 1291; König seit
1273) bis Kaiser Leopold I. (* 1640, † 1705; Kaiser seit 1658). Im Wipfel
des Baumes sitzt der römisch-deutsche Reichsadler mit dem habsburgischen
Balkenschild auf der Brust, den Donnerkeil Zeus-Jupiters in den Fängen.
Die lateinische Inschrift auf dem Spruchband im Schnabel des Adlers lautet »Imperium
Sine Fine Dedi« (»Ich habe ein Reich ohne Ende gegeben«). Das
Zitat aus Vergils Aeneis (Verg. Aen. I 279) wurde wohl in Anspielung auf die
gewaltige Ausdehnung des Machtbereichs der »Casa di Austria« (5)
und die erhofft endlose Dauer ihrer Herrschaft als Motto gewählt. Der trojanische
Heerführer Aeneas war nach dem Fall seiner Heimatstadt über Karthago
bis Latium geflohen, wo er die Stadt Lavinium gründete. Über seine
Nachkommen Romulus und Remus sollte er zum Stammvater der Römer werden.
Vergil schildert ein Gespräch zwischen Jupiter und der – um das Wohl
ihres leidgeprüften Sohnes Aeneas besorgten – Venus. Darin verheißt
Jupiter den von Aeneas abstammenden Römern ein Reich ohne Grenzen in Raum
und Zeit und die Herrschaft über die Völker.
Zugleich wird mit Zitat und Adler aber auch an den Geschichts- und Gründungsmythos
des deutschen Kaiserreichs erinnert, das sich seit der karolingischen »renovatio
imperii« als wiedererstandenes Römerreich der Deutschen verstand.
Die beiden Bände des »Compendium historicum« des Grafen Alfonso
Loschi stammen, wie am aufgeprägten Wappen-Supralibros zu erkennen ist,
aus dem Besitz der Adelsfamilie von der Leyen.
V.D.
(1) bzw. Tapferkeit.
(2) Fama dürfte hier wohl nicht im Sinne von Gerücht verstanden sein.
(3) Victoria wird zuweilen mit dem Attribut der siegverkündenden Trompete
dargestellt. Kennzeichen der Virtus ist die entblößte Brust.
(4) Der gevierte Schild enthält in den Feldern 1 und 4 jeweils einen bekrönten
Doppeladler über drei Lilien auf goldenem Grund und in den Feldern
2 und 3 je drei goldene Lilien auf blauem Grund. Die hier nicht abgebildete
Devise
lautet: »Rigatum Sanguine Fluxit«. Auf dem Wappen ruht
die Rangkrone der italienischen Grafen, ein goldener, mit 9 Perlen
verzierter Stirnreif.
(5) Vgl. in diesem Zusammenhang die Devise Karls V. »Plus ultra« (»Noch
darüber hinaus«)