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Ehemalige Stifts- und Dechaneibibliothek Freckenhorst

Geschichte:

Zur Dechanei St. Bonifatius gehören etwa 340 Bände mit Erscheinungsjahren von 1515 bis zum 20. Jahrhundert, etwa 110 davon stammen aus der Zeit vor 1800. Eine erste Inventarisierung unter Pfarrdechant Schüller hielt grundlegende Daten dieses Bestandes auf Karteikarten fest. In einem Kapitel der Schrift zum 1150. Bestehen des Freckenhorster Klosters und Stiftes gerieten die historischen Drucke erneut in den Blick. Die Renovierung der Räume der Stiftskammer bot schließlich die Gelegenheit, die ohnehin zu bewegenden Bände nach Münster zu transportieren und ab November 2008 vorübergehend der Obhut der ULB Münster anzuvertrauen, um dort einen Katalog und ein Restaurierungsgutachten anfertigen zu lassen.

Die Arbeitsstelle Historische Bestände in Westfalen (HBW) an der ULB Münster setzt sich bekanntlich seit 1990 für die Erfassung und Nutzbarmachung von alten Büchern im Raum Westfalen ein und berät lokale Eigentümer sachkundig. Der jetzt hier erstellte Katalog der Freckenhorster Bücher ergänzt das Bild historischer Bibliotheken in der Region um Warendorf: Anfang der 90er Jahre wurde bereits die alte Pfarrbibliothek von St. Johann in Milte bearbeitet, wenig später die Bibliothek des Prämonstratenserklosters Clarholz.

Die Katalogisierung der Freckenhorster Bibliothek erfolgte in der ULB nach den für ältere, wertvolle und schützenswerte Drucke geltenden Regeln. Ein digitaler Katalog steht seit Juni 2013 zur Verfügung. Vorbereitet wird ausserdem eine gedruckte Version. In den Katalog wurden die Drucke aus Freckenhorst einbezogen, die bis 1900 erschienen sind. Durchgeführt wurde darüber hinaus eine sachliche Erschließung der Bücher.

Bestand:

Seit 2010 befindet sich die Bibliothek als Teil des "Depot Stiftskammer" wieder am angestammten Ort in Freckenhorst. Möglich wurde dies durch die Bemühungen des rührigen "Förderkreis Stiftskammer".

Vorhanden ist in erster Linie theologische Literatur. Vielfach bezieht sie sich auf praktische Bedürfnisse von Liturgie und Predigt. Der Bereich der Moraltheologie ist ebenfalls umfangreich repräsentiert und enthält weit verbreitete Werke, auch von Theologen aus der Region. Einige historische und philosophische Titel sind vertreten und gut ein Dutzend handgeschriebener Bände, die Noten, aber z.B. auch Aufzeichnungen des Pfarrdechanten Schwieters enthalten. Weiter findet man einzelne philologische Werke und Wörterbücher, unter anderem für die arabische Sprache! Exegetische Literatur und ein Katechismus fehlen hingegen unter den alten Drucken.

Drei kirchenrechtliche Schriften in einem Band, die später mit Erweiterungen einen über Jahrhunderte gültigen Corpus des kanonischen Rechts bildeten und 1515 in Lyon gedruckt wurden, sind die ältesten Werke im Bestand (THE Ed 1).

In den folgenden Jahrzehnten erschienen z.B. ein in Köln gedruckter Psalter von 1537 (THE Ea 9), in einem auf Pergament gedruckten Exemplar vorhanden, und eine Bibel mit zahlreichen Holzschnitten von 1542 (THE A 3), die dem Anschein nach zwischenzeitlich einmal zur Bibliothek der Kapuziner in Werne gehörte. Die meisten der alten Bücher der Dechanei stammen aber aus dem 18. Jahrhundert.

Es ist zu vermuten, dass die Bände sich im Laufe der Zeit in der Dechanei in Freckenhorst angesammelt haben und weder aktiv und geplant noch für die Damen des Stiftes erworben wurden. Als Vorbesitzer haben sich Geistliche aus Freckenhorst eingetragen, ebenso z.B. Äbte aus Marienfeld und im Münsterland ansässige Adelige. Nur für ein Buch lässt sich aber nach der Sichtung aller Herkunftsvermerke der Vorbesitz durch zwei Stiftsdamen dingfest machen – das handschriftliche Gesang- und Gebetbuch (MAN 7) mit schönem Einband, in dem das "Freckenhorster Osterspiel" notiert ist, schenkte Anna Agnes von Velen der Baronin von Mirbach.

Aus der Gruppe liturgischer Bücher sei beispielhaft ein Missale Monasteriense aus dem Jahr 1632 vorgestellt. Gleich sechsfach ist es in der Freckenhorster Bibliothek vorhanden. Der aufwendige Kupfertitel zeigt als Motiv neben der Dreifaltigkeit u.a. mehrere für das Bistum bedeutende Heilige wie den hl. Paulus als Dompatron, den hl. Ludger und Gottfried von Cappenberg. Auch im Inneren des Buches sind zu Festtagen ganzseitige Illustrationen anzutreffen. Auffallend ist, dass unterschiedliche Versionen der Illustration existieren. Ferdinand, Bischof von Münster 1612-1650, ergriff die Initiative zu dieser Edition – der ersten neuen Ausgabe und Fassung eines münsterschen Missales nach einem Pariser Druck von 1520, der laut Einleitung inzwischen vergriffen war. Das Werk wurde in Antwerpen bei Plantin gedruckt.

Zahlreich sind auch die in den Freckenhorster Büchern aufgefundenen Fragmente, also die Relikte, die frühere Benutzer in den Büchern zurückgelassen haben. Eine stattliche Sammlung etwa an Totenzetteln ist bei der Erfassung zustande gekommen und gibt Aufschluss über die Lebensdaten einstiger Freckenhorster Bürger und Bürgerinnen. Nicht eindeutig als Freckenhorster ließen sich bisher die Verfasser von lateinischen Schulaufsätzen identifizieren, die einer Ausgabe der Werke Clemens' I. (THE D 5) beiliegen. Sie können ein Indiz für das Bestehen einer Lateinschule in Freckenhorst darstellen, können aber auch auf anderem Wege hierher gelangt sein. Besonders interessant ist unter den Fragmenten ein beidseitig bedruckter Bogen (THE Ec 3-1 [Fragment]), der eine Bekanntmachung vom April 1807 enthält. Nach der Besetzung durch die Preußen ab 1802 war der Kreis Warendorf ab dem Herbst 1806 unter französische Militärverwaltung geraten. Den gewaltigen Ansprüchen, die die Besatzer auf Kriegskontributionen an die eroberten westfälischen Gebiete stellten, konnte die einheimische Gemeinschaft insgesamt trotz Anleihen und Sondersteuern kaum nachkommen. Durchmärsche und Einquartierungen belasteten die Bürger in Warendorf auch mit Sachleistungen für die Truppen stark, so dass schon Ende 1806 überhöhte Forderungen von Soldaten unter Strafe gestellt wurden.

Mit der in Freckenhorst bewahrten zweisprachigen Bekanntmachung - auszuhängen auf der Marschroute französischer Soldaten von Münster nach Wesel, „wo es nöthig ist“ - suchte man offenbar erneut, die Interessen in Einklang zu bringen: 1½ Pfund Brot, ein Pfund Fleisch, Gemüse, Brot zur Suppe und eine halbe Flasche Wein waren demnach die Verpflegung, die den französischen Soldaten zuzumessen war, dies aber nur im vorgesehenen Quartier. Die Obrigkeiten wurden zur Meldung und Ahndung von Verstößen aufgefordert.

Text: Natalie Neuhaus


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