Dycksche Handschrift (Ms N.R. 381)

Die Bedeutung, die sich Münster als Zentrum der deutschen Niederlande-Forschung erworben hat, gab den Ausschlag dafür, dass ein Literaturdenkmal europäischen Ranges im Jahre 1991 an die Universität Münster verkauft wurde und seitdem in unserer Bibliothek aufbewahrt wird: die Dycksche Handschrift (Ms N.R. 381).

 
Dycksche Handschrift

Die Dycksche Handschrift steht im Portal 'Digitale Sammlungen' der ULB Münster zur Verfügung.
Die von der Nederlandse Taalunie finanziell unterstützte und am Lehrstuhl von Prof. Dr. Amand Berteloot erstellte Transkription der Texte steht auf dem Dokumentenserver der ULB zur Verfügung.

 

Bei der Dyckschen Handschrift handelt es sich um einen Codex von 124 Pergamentblättern aus dem Familienbesitz Salm-Reifferscheidt zu Dyck, unweit von Neuß. Es wird angenommen, dass die Handschrift 1375 im Raum Utrecht entstanden ist. Klar ist, dass sie spätestens zu Beginn des 15. Jahrhunderts Familienbesitz der Grafen von Salm-Reifferscheidt wurde. Die Handschrift ist eine reine Texthandschrift, ausgeführt von einer Hand. Die künstlerische Ausgestaltung beschränkt sich auf 13 abwechselnd rot und blau ausgemalte Initialen. Der Erhaltungszustand ist hervorragend.
Die Dycksche Handschrift vereinigt zwei mittelniederländische Texte. Ihre außerordentliche Bedeutung beruht auf dem zweiten Text: Van den vos Reynaerde (Reinecke Fuchs), ein Literaturdenkmal von europäischem Rang. Geschaffen wurde das Tierepos von einem flämischen Dichter, dessen Namen als Willem überliefert ist. Sein "Reynaerd" ist nur in zwei Quellen vollständig erhalten, eben der Dyckschen Handschrift und der Comburger Handschrift. Die Dycksche Handschrift ist etwa 175 Jahre nach der Schöpfung des Textes durch Willem entstanden, die Comburger Version ein halbes Jahrhundert später. "Van den vos Reynaerde" ist einer der bedeutendsten Beiträge der Niederlande zur Weltliteratur. Der mittelniederländische Text ist Grundlage für die Verbreitung des Reinecke-Themas in viele Sprachen bis zum heutigen Zeitpunkt. Wichtige Stationen sind zum Beispiel die bei William Caxton in Westminster 1481 und 1489 erschienenen Nachdichtungen und der "Reynke de Vos" in Lübeck von 1498. Eine hochdeutsche Übersetzung von Gottsched aus dem Jahre 1752 regte schließlich Goethe zu seinem berühmten Epos von 1794 an.
Auf den ersten 100 Seiten der Dyckschen Handschrift hat der Schreiber eine Nachdichtung aus dem Lateinischen mit dem Titel "Der Naturen Bloeme" festgehalten. Es handelt sich um eine Naturenzyklopädie des Thomas von Cantimpré, umgeformt von dem bedeutenden mittelniederländischen Dichter Jacob van Maerlant in 16 700 Versen. Auch der wissenschaftliche Wert dieses Textes ist hoch, zumal die Maerlant-Forschung erst in ihren Anfängen steht.
Eine ausführliche Beschreibung von Eef Overgaauw ist in der Manuscripta Mediaevalia zu finden.

Editionen:

Van Den Vos Reynaerde / door W. Gs Hellinga
Zwolle : Tjeenk Willink
Bd. 1: Teksten :.Diplomatisch uitgegeven naar de bronnen vóór het jaar 1500. - 1952.

Reynaert in tweevoud
Deel I: Van den vos Reynaerde / bezorgt door André Bouwman en Bart Besamusca
Amsterdam 2002

Van den vos Reynaerde nach einer Handschrift des 14. Jahrhunderts im Besitz des Fürsten Salm-Reifferscheidt auf Dyck
/ hrsg. von Hermann Degering
Münster 1910

Übersetzung:

Poeth, Philipp: Von den Fuchs Reinart : deutsche Reimfassung der Dichtung „Van den vos Reynaerde“ (=Reinaert I) aus dem 13. Jahrhundert von „Willem, der den Madoch machte“
Münster, 2005

Literatur:

Bouwman, A. Th.: Van den vos Reynaerde an branch I of the Roman de Renart : tradition and originality in an Middle Dutch beast epic
In: Neophilologus. - 76. 1992. S. 482 – 501

Die Dycksche Handschrift / Red.: Bertram Haller und Hans Mühl.
Berlin, 1992. (Kulturstiftung der Länder – Patrimonia ; 44)
Standort: HLS WES 2.61 Dyk 1

Goossens, Jan: De handschriften van de Reinaert
In: Dietsche warande & belfort. - 137. 1992, S. 487 - 497

Goossens, Jan: Hoe he Dycksche handschrift naar Münster kwam
In: Tiecelijn - Nieuwsbrief voor Reynaerdofielen. - 5. 1992, S.6 - 10

Goossens, Jan: Wie aus einem Schurken ein Schelm wurde : die Dycksche Hand-schrift und Reineke Fuchs
In: Westfälische Wilhelms-Universität Münster - Forschungsjournal. - 1. 1992, Nr. 1. S. 32 - 35

Hermes, Hans-Joachim: Die Dycksche Handschrift kommt in die Universitätsbibliothek Münster
In: Verband der Bibliotheken des Landes Nordrhein-Westfalen : Mitteilungsblatt . - N.F. 42. 1992. S. 62 - 64
Hans-Joachim Hermes: Münster: Universitätsbibliothek erwirbt die Dycksche Handschrift
In: Bibliotheksdienst. - 26. 1992, S. 210 - 212

Mühl, Hans: Die Dycksche Handschrift
In: Wandelhalle für Bücherfreunde. - N.F. 34. 1992. - S. 52 - 55 mit Abb. Auf S. 51

Overgauuw, Eef: Handschrift F. van de Reinaert verworven door de U.B. Münster
In: dokumentaal : Informatie- en communicatie-bulletin voor neerlandici. - 21. 1992, S. 6

Overgaauw, Eef: Het Dycksche handschrift van Van den vos Reinaerde ver-worven door de U.B. Münster
In: De nieuwe taalgids. - 85. 1992, S. 280 - 281