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WDR ZeitZeichen zu Elsa Sophia von Kamphoevener

Logo WDR bei Wikimedia Commons„Elsa Sophia von Kam­pho­even­er ist auf dop­pelte Weise eine Märch­en­erzäh­lerin: Die Schrift­stel­lerin erzählt nicht nur Geschicht­en, sie erfind­et auch Teile ihres Lebenslaufes.
Die Leg­ende geht so: Als Jugendliche will Elsa Sophia von Kam­pho­even­er das ana­tolis­che Hin­ter­land der Türkei ken­nen­ler­nen. „Es lag mir so sehr daran, das eigentliche Volk ken­nen­zuler­nen, das Volk Kleinasiens“, sagt sie später. Sie sei eine pas­sion­ierte Rei­t­erin gewe­sen und habe „meis­tens auf dem Pferde“ gelebt.
Verklei­det als junger Mann habe sie sich in die Män­nerge­sellschaft der Hirten eingeschlichen und dort pro­fes­sionellen Erzäh­lern zuge­hört. „In Kleinasien bin ich herumgerit­ten, jahraus, jahrein, monate­lang da herumgerit­ten, und kam immer wieder in den Karawan-Serail mit den Märch­en­erzäh­lern zusam­men.“ Doch diese Darstel­lung ist ein Lügenkon­strukt.

Die Mär der geschenk­ten Märchen
Märch­en­erzäh­ler sind damals Män­ner, die über Land wan­dern und ihre jahrhun­derte alten, mündlich tradierten Geschicht­en weit­ergeben – oft in Karawansereien, wo Hirten und Händler mit­samt ihren Tieren in der Nacht Schutz suchen. Sie bilden eine Art Gilde, in der streng darauf geachtet wird, dass kein­er die Geschicht­en des anderen stiehlt.
Die Fam­i­lien der Märch­en­erzäh­ler besitzen höch­stens 40 bis 60 Märchen, die sie als ihr Eigen­tum hüten. Dieser Märchen­schatz ist das Kap­i­tal, von dem sie leben. Und dann sollen sie diese einem ver­meintlichen Mann, der aus dem West­en kommt, ein­fach so über­lassen? Was für ein Märchen!

In Reich­tum und Über­fluss aufgewach­sen
Tat­säch­lich ver­läuft das Leben von Elsa Sophia von Kam­pho­even­er offen­bar etwas anders, als sie sich das wün­scht. Geboren wird sie am 14. Juni 1878 in Hameln und wächst im Osman­is­chen Reich auf. Dort reor­gan­isiert ihr Vater, der deutsche Mil­itär­ex­perte Louis Kam­phöven­er, für Sul­tan Abdul­hamid II. die Osman­is­che Armee. Die Fam­i­lie wohnt in der Haupt­stadt Kon­stan­tinopel, dem heuti­gen Istan­bul. Sie kann sich einen gehobe­nen Lebensstil leis­ten, da Louis Kam­phöven­er den Rang eines Paschas hat.
„Es herrschen Reich­tum und Über­fluss“, schreibt die Biografin Hel­ga Moer­icke. „An Geburt­sta­gen wer­den Elsa Sophia Blu­mengewinde über­re­icht, in denen der Vater gold­ene Ringe ver­steckt hat.“ Sie wird auch von ein­er Diener­schaft ver­wöh­nt, die aus unter­schiedlichen Gegen­den stammt. Ver­mut­lich durch das Per­son­al oder auf dem Basar in Istan­bul lernt Elsa Sophia Märch­en­erzäh­ler aus Ana­tolien ken­nen.

Von wegen gute Rei­t­erin
Um gesellschaftlichen Schliff zu bekom­men, besucht die Pascha-Tochter für ein paar Jahre eine Schule für „Höhere Töchter“ in Hildesheim. 1894 kehrt die 16-Jährige nach Kon­stan­tinopel zurück. Ihr Vater kauft ihr ein Pferd. Doch ent­ge­gen ihren späteren Schilderun­gen kann sie damit nichts anfan­gen. „Nach dem ersten Aus­ritt kam das Pferd allein zurück“, erzählt ihr älter­er Brud­er Kurt später. „Als sich das wieder­holte, war es mit dem Reit­en endgültig vor­bei.“
Elsa Sophia von Kam­pho­even­er hält sich nie in Ana­tolien auf, aber sie ist fasziniert von den Geschicht­en, die sie hört. Sie sam­melt die Märchen, die in blühen­den Gärten spie­len, bevölk­ert von Geist­we­sen wie Feen und Dschinns. Mit 22 Jahren heiratet Elsa Sophia, lässt sich aber bald schei­den. Ihr Sohn bleibt bei seinem Vater, sie ver­lässt Kon­stan­tinopel 1906 für immer.

Als „Kam­er­ad Märchen“ an der Front
In Deutsch­land führt sie drei weit­ere Ehen — mit einem Arzt, einem Schrift­steller und einem Kur­di­rek­tor. Sie schönt ihre Biografie und nen­nt sich nun „Baronin von Kam­pho­even­er“ – mit schick­em „OE“ statt des ordinären „Ö“. Sie schreibt Artikel und Triv­ial­ro­mane, grün­det eine eigene Zeitschrift, die nach weni­gen Aus­gaben einge­ht, lebt von Vorträ­gen und Über­set­zun­gen – oft an der Armutsgren­ze.
1942 – mit­ten im Zweit­en Weltkrieg – meldet sich die „Baronin“ frei­willig zur Trup­pen­be­treu­ung an die Front. Dort erzählt sie – am lieb­sten in ori­en­tal­is­chen Pluder­ho­sen – türkische Geschicht­en und wird deshalb von den Wehrma­cht­sol­dat­en „Kam­er­ad Märchen“ genan­nt.

Nach dem Krieg wird die „Baronin“ Kult
Nach Kriegsende kriecht Elsa Sophia bei Fre­un­den unter, weil ihre Berlin­er Woh­nung aus­ge­bombt ist. 1951, in der Kan­tine des Stuttgarter Rund­funks, kommt sie mit einem Jour­nal­is­ten ins Gespräch und verblüfft ihn mit ihren türkischen „Erin­nerun­gen“. Sie kann im Stu­dio ihre Märchen erzählen – und begin­nt damit eine späte Kar­riere. Radiosendun­gen mit türkischen Märchen machen sie berühmt.
Sie wird zu Lesun­gen ein­ge­laden und gibt Sam­mel­bände her­aus. Der bekan­nteste Band heißt „An Nacht­feuern der Karawan-Serail“. Später wird ihr nachgewiesen, dass sie zum Teil aus ein­er Antholo­gie des ungarischen Märchen­forsch­ers Ignaz Kúnos von 1906 abgeschrieben hat. Doch ihre Lügen wer­den erst nach und nach ent­tarnt. Als Elsa Sophia von Kam­pho­even­er am 27. Juli 1963 mit 85 Jahren in Traun­stein stirbt, ist sie noch bun­desweit Kult und als „Die Märchen­ba­ronin“ bekan­nt.“
(WDR, Jut­ta Duhm-Heitz­mann & Gesa Rünker)

Sie kön­nen die Sendung, die am 27.7.2023 in der Rei­he „ZeitZe­ichen“ lief, über die Seite des WDR nach­hören oder als Audio­datei herun­ter­laden.

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